Rütli - zum 1. August
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Rütli
Meditation zum 1. August
Sieben Jahre wohnte ich in Emmetten, oberhalb des Rütli, doch ich war nie da. Warum sollte ich auch? Warum nicht einmal einen Besuch am Ort, wo die Schweiz begann? Aber welche Schweiz? Wenn dem so war, dass hier die Schweiz entstand, was entstand denn im Luzerner Hinterland, am Napf? Ich bin unter keinen Umständen so arrogant, um zu behaupten, der Napf sei der Ursprung. Es geht um eine geschichtliche Dimension und um etwas Weltweite.
Durch die Gegend des Napf zogen seit 2500 Jahren von allen Himmelsrichtungen Völker und Pilger, Gauner und Flüchtige vorbei. Hier kreuzten die Kelten, dann folgten die Römer, später bekreuzten sich auf diesen Wegen die Pilger nach Santiago di Compostela oder nach Einsiedeln. Das war doch der Knoten der Schweiz. Nicht eine kleine, von Kühen verschissene Waldlücke, fast unzugänglich, am Vierwaldstättersee, isoliert, von dunklem Wald und granitenen Steinen umgeben. Keine Kreuzung. Kein fruchtbarer und schöpferischer Ort, abgeschirmt, nur für ein paar wenige, zusammen mit ein paar Kühen, keine Verbindung zur Welt, kein Knotenpunkt, ein vor scheinbaren Feinden verstecktes Nichts.
Wer hat das Rütli zum Ursprungsort der Schweiz gemacht, ohne uns zu fragen und einfach einem fremden Schiller zu vertrauen? Rütli, ein Ort der Isolation, ein vorweggenommenes Mini-Reduit, ein Ort der Arroganz. Demgegenüber ist der Napf ein Ort der Kreuzungen und Begegnungen, weltoffen; eine geheimnisvolle Goldgrube, wo natürlich auch viel Gierige gescharrt und ihre geilen Finger krumm gemacht haben.
Soll etwa die Schweiz aus dem Paradies des Rütli stammen? Warum aber wurden nach und nach die Schweizer, die Urschweizer und diejenigen, die dazukamen, so wie sie heute sind. Vielleicht würden wir besser sagen, nicht das Rütli sondern die paar wenigen Kuhfladen waren der Ursprung. Wer einen Kuhfladen betrachtet, sieht, wie dieser zuerst eintrocknet und dann von einer ganzen Armee von Fliegen, Käfern, Raupen und vielem unbekanntem Gekreuch zerfressen wird.
Ja, ich konnte das ganze Gschiss, das man aus dem Rütli gemacht hat, nie begreifen. Die Rechten sollen es doch ruhig haben; wir anderen haben symbolträchtigere Orte Einen haben ich genannt: den Napf. Es könnte ohne weiteres auch der Gotthard sein, von dem diese Engstirnigen irgendeine Blase abgehackt haben, das Rütli, ohne Dimensionen, isoliert, von ein paar Sturen zum Treffpunkt der Verschwörung abgeholzt.
Ich will keine Schweiz, die aus einem Versteck, aus der Isolation, auf ein paar Kuhfladen entstand.
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Al Imfeld
zum 1. Aug. 2010
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