Afrikanische Hexerei als normatives System und ihr Einfluss auf ökonomische Entwicklung
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Dr. David Signer, Zürich
Viele Gesellschaften Afrikas weisen ausgeprägt egalitäre Strukturen auf. Erwirtschafteter Gewinn muss im Zeichen der Solidarität verteilt werden; wer sich der Redistribution verweigert, riskiert soziale Sanktionen.
Eine davon ist die Hexereidrohung: Oft stellt man sich Hexen als schlechtweggekommene und neidische Personen vor, die den Bessergestellten und Geizigen durch unsichtbare Kräfte schwächen können. Dieses homöostatische Modell tritt nun aber im heutigen Afrika in Konflikt mit einem modernen Normensystem, das auf Verdienst durch individuelle Leistung setzt.
Dieser Antagonismus wird von den Beteiligten oft als Stadt-Land-Konflikt artikuliert: Wenn du wachsen willst, musst du das Dorf verlassen; aber wehe, du schickst dann deiner Familie nicht genug Geld (und aus ihrer Sicht ist es nie genug)! Doch in Wirklichkeit verläuft der normative Widerspruch nicht entlang so klarer geografischer Grenzen, sondern geht mitten durch die Gemeinschaften und sogar die Individuen. Gerade dieser psychologische „Double bind“ ist vermutlich auch einer der Gründe dafür, dass Hexerei tatsächlich wirkt, bzw. die Drohungen auf „fruchtbaren Boden“ fallen.
Typischerweise ist eines der häufigsten Gegenmittel, das von traditionellen Heilern gegen Hexereifolgen verschrieben wird, das Opfer. Das Opfer ist eine symbolisch überhöhte Gabe par excellence, mit der ein (ökonomisches) Ungleichgewicht wieder ausgeglichen und traditionelle (aber nicht modern-kapitalistische!) Gerechtigkeit hergestellt wird.
Weit davon entfernt, Anfang des 21. Jahrhunderts zu verschwinden, sind die Hexereifurcht und die damit verbundenen Gegenmassnahmen heute gerade in Grossstädten wie Lagos oder Abidjan virulenter denn je. Unter einer Makroperspektive ist die wesentliche Frage natürlich, inwiefern die religiös-magisch legitimierte Einschüchterung von Einzelinitiative, sozialer Mobilität und individueller Kapitalakkumulation mitverantwortlich sind für Afrikas ökonomische Entwicklungsprobleme.
Die Studie beruht auf einer dreijährigen Feldforschung in der Elfenbeinküste und benachbarten Ländern Westafrikas.
Literatur: Die Ökonomie der Hexerei oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt.
Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 2004.
David Signer, 1964 in St. Gallen in der Schweiz geboren, studierte Ethnologie, Psychologie und Linguistik. In seiner Promotion ("Konstruktionen des Unbewussten, Passagen Verlag, 1994) setzt er sich kritisch mit der Ethnopsychoanalyse auseinander. Nach längerer Beschäftigung im Flüchtlingswesen ("Überlebenskunst in Übergangswelten", Reimer 1999) und mehrjährigen Aufenthalten im Nahen Osten, in Ost- und Westafrika, ist er heute als Lehrbeauftragter an der Universität Zürich und als freier Publizist tätig.
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